Lyrische Ergüsse zu kleinen Preisen.
  Startseite
  Archiv
  Anmerkung
  Gästebuch
  Kontakt
 


 

http://myblog.de/trashlyric

Gratis bloggen bei
myblog.de





 

ÜBER DIE ZUVERLÄSSIGKEIT.


Sterne ziehen zuverlässig ihre Bahnen über den Himmel.

Das faszinierte ihn, hatte ihn schon immer fasziniert, schon als er noch nicht mal die entsprechenden Worte kannte. Und das war recht spät, seine Eltern gingen deswegen sogar zu einem Psychologen mit ihm: der sagte etwas von "grenzautistisch", "einseitig begabt" und weiteres, das der Knirps nicht verstand und das ihn auch nicht interessierte. Ihn interessierte nur der Himmel.

In einem Alter, in dem die Anderen Sandburgen bauten, kannte er die Namen der Sternbilder, und als er in der Grundschule erfuhr, dass sich die Erde um sich selbst dreht und dass die Drehung der Sterne eine Illusion ist, war er erschüttert und tagelang nicht ansprechbar (Das fiel allerdingxs nicht weiter auf). Der Sturz seines kindlichen Weltbildes hatte tiefgreifende Folgen: er begann seine Wahrnehmung zu hinterfragen, und bald, als die Anderen anfingen sich Briefchen zu schreiben und in der Pause ernsthaft rumzuknutschen, konnte er sich endlich wieder auf die Welt verlassen. Er konnte Schleifenbahnen nachvollziehen, wusste um Parallaxen, hatte den Sinn und Unsinn von Epizykeln begriffen, selbst die Relativitätstheorie glaubte er schließlich verstanden zu haben. Er wurde erfolgreich in der Schule: ein Wunderkind nannte man ihn, die Eltern waren immerhin stolz, wenn auch nicht mehr, die Anderen schauten nicht mehr nur spöttisch auf diesen Sonderling herab, sie respektierten ihn auf die eine oder andere Weise.

Ihm war das egal. Wohl fühlte er sich so oder so nicht in der Gemeinschaft, die Anderen waren ihm suspekt, sie handelten häufig unlogisch und zumeist grundlos. Später, an der Universität, hatte er keinen tiefergehenden Kontakt mit seinen Kommilitonen, sie sollten sich nur an einen exzellenten Studenten mit einer ans Absurde grenzenden Abneigung gegen Quantenmechanik erinnern. Nach seiner Promotion wurde er direkt in einem renommierten Observatorium angestellt. Dort lernte er auch seine Frau kennen: Ein vielschichtiges Verhältnis hatten sie, beide merkten es nicht.

Sie war älter als er, und man kann nicht behaupten, dass er sie liebte. Ihm gefiel ihre nüchterne und kühle Art, er fühlte sich ein Stück weit verstanden, er fand es angenehm seinen Kopf in ihrem Schoß zu betten und alle Verantwortung für sich aufzugeben. Sie bewunderte ihn, seine Intelligenz, eiferte ihm nach und fühlte sich durch seine Abhängigkeit geschmeichelt. Es bleibt festzuhalten, dass sie keinerlei sexuellen Ehrgeiz entwickelten. Doch beide teilten die Obsession der harten Physik.

Und scheiterten trotzdem.

An jenem schicksalsträchtigen Abend, es war ein Freitag, saß er noch spät im Rechenzentrum und arbeitete. Er galt als der zuverlässigste Mitarbeiter der Sternwarte, alles erledigte er pünktlich und korrekt. Das war reine Illusion. Mit dem Observatorium verband ihn nichts, es war nur ein Instrument seiner Besessenheit.

Er war inzwischen allein, selbst die engagiertesten Praktikanten stürzten sich voller Lebensdurst ins Wochenende, fünf Tage angefüllt mit Formeln reichten den Meisten um zu erkennen, dass die Wissenschaft nicht alle ihre Bedürfnisse befriedigte. So wie sie Sinn-Maschinen waren, zugleich sinnlich und sinnvoll, war er eine Logik-Maschine, hatte mal einer der Praktikanten gesagt, der sein Studium allerdings auch bald abbrechen und nicht weit kommen würde in seinem kurzen Leben. Er irrte: Die "Logik-Maschine" war nur ein ungewöhnlicher Mensch, nicht gefeit vor den Übeln des menschlichen Lebens: Er war wütend und verwirrt. Normalerweise wäre auch er nach Hause gegangen, doch von seiner Verwirrung konnte er sich am besten mit Arbeit ablenken. Seine Frau hatte ihn verlassen. Das hatte ihn ziemlich überrascht, er hatte sich in der Hinsicht wohl zu sehr auf seine Gewohnheit verlassen. In der E-Mail, die er am Nachmittag empfangen hatte, standen äußerst merkwürdige Dinge: Ihre Kinder, Zwillinge, Contergan-Kinder, die sie damals, als sie vierzehn war, auf Drängen ihrer Eltern abgegeben hatte, hatten sie kontaktiert. Der Vater hatte sich nach der Geburt aus dem Staub gemacht, danach hatte sie keinen Mann mehr bis zu ihrem Astronomen. Sie meinte, die Nachricht von ihren Kindern hätte viel in ihr aufgewühlt und es sei ihr klargeworden, dass einiges in ihrem Leben schiefgelaufen wäre, sie wolle nun endlich eine zuverlässige und liebende Mutter werden und ihren Kindern aus einer prekären Situation helfen, auch mit einem Vierteljahrhundert Verspätung, er wäre dabei ein notwendiges Opfer, ein Stück Vergangenheit, mit dem sie abschließen müsse, ein Mahnmal ihrer verdrängten Gefühle...

Er konnte das nicht nachvollziehen, und ihm lag auch nichts daran. Er hatte noch Sonne, Mond und Sterne, und er sehnte sich in die Zeit zurück, als er noch allein mit ihnen gewesen war, als er keinen Menschen in sein Leben gelassen hatte, kein trojanisches Pferd, das am Ende doch die Saat der Unzuverlässigkeit, der fehlenden Logik, der Affektiertheit entlassen würde. Er würde schnell darüber hinwegkommen. Doch richtig konzentrieren konnte er sich nicht, zudem war er verdammt müde.

Also packte er seine Sachen, löschte das Licht, schloss die Türen. Auf dem Parkplatz, bevor er ins Auto stieg, schaute er noch einmal in den Himmel. Es war eine sternenklare Nacht.

Das vertraute Bild beruhigte ihn, im Geiste ging er die Sternbilder durch und freute sich fast schon kindlich über Jupiter und Saturn, die nahe beieinander standen. Er hatte bisher nur partout kein Gesicht im Mond erkennen können, das hatte auch seine Frau immer verwundert.

Doch jetzt grinste der Mond höhnisch, bewegte sich grundlos in Richtung Saturn, schubste ihn gegen Jupiter und ließ diesen in einem leicht rötlichen Funkenschauer zerstäuben.

Der Astronom begann zu weinen.





11.6.07 20:52
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung